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Schule als Ort zur Ausgrenzung von Begabungen


Aus der Bildungsbiographie des hochbegabten Schülers und seinem Leiden an der geringen pädagogischen Wertschätzung seiner Stärken nach knapp 9 Jahren Schule 

Wie mag es sich anfühlen, als hochbegabter Schüler in ein Schulsystem eingebunden zu sein, das die Erkennung von Begabungsstärken am „Defizit“orientiert?


Mit einigen wesentlichen bildungsbiografischen Bausteinen von Js.* Entwicklung  verdeutliche ich, wie sich das pädagogische Missverständnis  von der Lehrpraxis ausgehend auf sein Lernen auf seinen Lernerfolg wie auf sein Selbstwertgefühl auswirkte.

Die Sicht und die damit verbundene Erfahrung von Js.* Mutter im beigefügten Kommentar richten den Focus auf Ungerechtechtigkeiten und Missverständnisse, wie sie Kinder und Jugendliche erfahren, die von ihren Lehrern nicht in ihrren Stärken verstanden werden.
Festzuhalten ist, dass es sich in meinen Ausführungen um ein ausgewähltes Beispiel handelt, das nicht allgemeingültig  ist.

Lernen und Leiden an der Schule

 J.* gehört zu den Schülern, der während der vergangenen 9 Jahre seiner Schulzeit immer wieder versuchte, sich mit seinen Begabungen einzubringen, mit sich zu überzeugen und als Schüler in der Gemeinschaft wirksam zu sein.

Mit seinen ausgewiesenen Fähigkeiten in der Sprachkompetenz, im logischen aufgebauten, kreativen Denken, im kreativen Schreiben,wie in seiner unnachahmlichen Stärke komplexe Gedanken in einem Wort treffend zusammenfassen zu können, wird er in unserem Schulsystem, das ihn an seinen „Defiziten“ in seiner Rechtschreibung erkennt und misst, wohl kaum als die herausragende Persönlichkeit wahrgenommen, die er nach meiner Auffassung ist. 

Schule als „Lernbewältigungsanstalt"

Sein schulischer Leidensweg kennzeichnet, wie tradierte, hierarchische schulische Strukturen sich dem lebenslangen Lernen, der Auseinandersetzung mit Begabungen und damit der Fähigkeit, der Zukunkt zeitgemäß zu begegnen, bis heute verweigern. Es führt dazu, dass hochbegabte Menschen wie J.* die Schule als „Lernbewälti-gungsanstalt“ erfahren, die sie nicht beflügelt sondern krank macht.
 
J.* hat es aufgegeben. Er wird die Schule nach seinem Mittleren Schulabschluss (MSA) verlassen und sich seiner beruflichen Ausbildung in einer Firma widmen, die schon während der wenigen Wochen, die er dort mit Praktika verbrachte, das erkannte, was seine Schule bis heute nicht vermag: Seine Begabungsstärken.

KCR 10/ 2010: Alphabetisierungsschwierigkeiten 1

 

 

 

 


Bildungsbiographische Bausteine des hochbegabten Schülers zwischen Klasse 3 und Klasse 9:

  • Als linkshändiger Schüler litt J.* seit seiner Einschulung sehr darunter, langsamer als andere Kinder zu sein.
      
  • Dies verband sich für ihn mit ausgeprägten Schwierigkeiten im Schreiben, der Konzentration wie der Gedächtnisleistung.

  • So wie ich ihn 2010 in der dritten Grundschulklasse im Alter von 9 Jahren kennenlernte, war er ein begeisterter Bücherleser mit einem auffallend altersüberdurchnittlichen Wortschatz. Dies ging mit seinen naturwissenschaftlichen Ideen und Gedanken einher. 
  • In seinen schulischen Kontexten glaubte man ihm sein Wissen aufgrund seiner  Rechtschreibungs und - Alphabetisierungsschwierigkeiten nicht.

  •  J.* erhielt bis zur Klasse 5 kaum eine Chance, sich mit seinem überdurchschnittlichen Allgemeinwissen einzubringen. Manche Lehrer betitelten ihn sogar vor seinen Klassenkameraden als „dumm.“ 

Die pädagogische Orientierung am Defizit blendet das Erkennen von Begabungen aus

 Weil seine Begabungsstärken nicht verstanden wurden, scheiterten die Versuche des Jungen, seinen Schwierigkeiten mit seinen Stärken zu begegnen und mit sich zu überzeugen.

  • Auf der Basis von negativen Vorurteilen erhielt J.* negative Bewertungen.
  •  Seine Schwierigkeiten wurden in der schulischen Umwelt weder beobachtet, erkannt noch verstanden.
  • Bis zur Klasse 5 blieb J.* sich in der Aneignung des Alphabetisierungsprozesses selbst überlassen und hatte bis zu vierten Klasse kaum das Schreiben erlernt. 
  • Rechtschreibschwierigkeiten entstanden, weil ihm viele Buchstaben in seinem Alphabet fehlten. 

Die integrierte Förderung für das hochbegabte Kind von Klasse 5 und 6:

In Zusammenarbeit mit seinen Eltern unterstützte ich J.* ganzheitlichen Reifungsprozess im Hirnleistungs- Lateralitäts- und Lerntraining. Wir arbeiteten nicht erfahrene Entwicklungen unterrichtsbegleitend auf. Ebenso vermittelte ich die Intelligenzuntersuchung in der Schulpsychologischen Beratung- Berlin- Mitte und damit verbunden den Schulwechsel. Einige Teilschritte der Förderstrategie:

  • Die optometrische Bestätigung meines Befundes der unreifen Sehorganisation,
  • Versorgung mit einer Lesebrille
  • Lern- und Schreibtraining und Ausgleich des unreifen Alphabetisierungsprozesses
    ab Klasse 4.
  • J.* wechselte  in 2012 auf eine Grundschule mit dem Schwerpunkt „Begabungsförderung“
  • Nachteilsausgleich bei Klassenarbeiten (mehr Bearbeitungszeit)
  • In seinen sprachlichen Stärken und in seinem überdurchschnittlichen Allgemeinwissen erhielt J.* endlich positive und wertschätzende Anerkennung, fühlte sich verstanden, kam aus seinem Schneckenhaus heraus und fand zu seiner Motivation zurück.
  • Im Sommer 2013 wechselte J.* erfolgreich auf die Oberschule und bestand dort das Probejahr und besucht ab Herbst 2015 die neunte Klasse.

*Name anonymisiert

KCR 08/2015: Schriftbeispiel von J.*

 

Weiterführende Links 

  • Die Legasthenie des J. P. Sartre:„ Ich war ein Wunderkind, das keine Rechtschreibung konnte“ 

 

 

Die Mutter von J.* fasst die Erfahrungen ihres Sohnes zum  schulischen Umgang mit seinen Begabungsstärken von Klasse 3 und Klasse 9 aus ihrer Sicht zusammen:
Teil II:

Coaching bei Frau Rulis

Frau Rulis hatte schon lange einen Schulwechsel angeregt, viel zu lang habe ich damit gewartet. Im laufenden fünften Schuljahr brachte der Wechsel in eine Hochbegabten-Klasse tatsächlich so etwas wie Erlösung. Interessanterweise sind seine Schulnoten im Schnitt ähnlich geblieben, doch das Kind war wie ausgewechselt. Endlich wurde er in seinen Fähigkeiten erkannt, anerkannt und gefördert. Und nicht mehr auf seine Schwächen festgelegt. Der befreiende Spruch einer Lehrerin: „In Diktat stehst Du 5, das gehört auch zu J., und daran üben wir. Doch Du musst Dich hier nicht verstecken, es ist wunderbar, Dich hier zu haben.“ 

Tatsächlich ergab der Test, dass J.* überdurchschnittlich intelligent und in Teilen hochbegabt ist. Aber nicht dies war wichtig. Wichtig war die Erfahrung für ihn, in und mit seinen Fähigkeiten wahrgenommen zu werden. („Mama, an der neuen Schule interessieren sich die Lehrer für das, was ich sage.“)

J.* ist sozial nie auffällig gewesen, er war, im Gegenteil, immer ein stützendes Mitglied der Klassengemeinschaft. Im Rückblick denke ich oft, für ihn wäre es besser gewesen, er wäre aufgefallen.

 Dann hätte man sich um ihn kümmern müssen, so ist er nicht nur untergegangen, er wurde auf sein Defizit festgelegt und fand lange in der Schule keinen Ort, seine Begabungen zu zeigen und zu leben. Heute kann er besser damit umgehen, doch ist es latent als Problem vorhanden. In den Standards ist er eher durchschnittlich, die alten Probleme ist er immer noch nicht ganz los, und die Gelegenheiten sein Können und seine Denkfähigkeit zu zeigen sind immer noch rar und gehen vor allem eher am Rande in die Benotung ein.

 Als er nach zwei Jahren Pause das Training bei Rulis wieder aufnahm, um im Hinblick auf die kommenden Abschlüsse noch einmal mehr Stabilität zu erlangen, erlebte er vor den ersten Stunden das alte Trauma. Er hatte Kopfschmerzen, ihm war schlecht, alles kam wieder hoch… mit dem Eintreten in den Trainingsraum war dann alles wie weggeblasen. 

Mir wird heute noch ganz eng zumute, wenn ich daran denke, wie sehr ein Kind leidet, wenn es jenseits der schulischen Items nicht wahrgenommen wird, nur weil es ein kleines bisschen anders denkt als andere. Langsamer, gründlicher und ohne die Möglichkeit zur Beschleunigung, bevor er nicht die Zusammenhänge durchdacht hat. Anfang der Schulzeit meinte er: „Mama, ich weiß, wie ich schneller werde. Eines Tages weiß ich alles und dann kann ich es auch ganz schnell sagen.“


 Der Psychologe drückte es so aus: „Mit ihrem Sohn ist alles in Ordnung. Er denkt nur etwas anders als die meisten. Das müssen sie den Lehrern erklären, auch wenn sie es nicht verstehen. Sie müssen versuchen, ihn unbeschadet durch die Systeme zu bringen.“

Dank der Unterstützung vieler und vor allem von Frau Rulis werden wir das schon schaffen. Und dank der Unterstützung konnte auch mein Sohn zu einem selbstbewussten Pubertierendem werden. Doch ich habe gründlich gelernt, wie nah der Abbruch von Schulkarrieren gerade bei den Kindern liegt, die besondere Talente in sich tragen.